Wenn bei euch zu Hause plötzlich alles zu viel wird
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Aktualisiert: vor 1 Tag
Neurodivergenz im Familienalltag verstehen, ohne ständig zu fragen, wer sich jetzt anders verhalten muss
Eigentlich wolltet ihr nur los.
Schuhe an. Jacke an. Tasche schnappen. Abfahrt.
Zumindest war das der Plan.
Dann findet jemand die falschen Socken - so unerträglich. Das Frühstück ist anders als sonst. Du erinnerst zum dritten Mal daran, dass ihr wirklich losmüsst, während du selbst schon längst auf die Uhr schaust und merkst, wie dein Stresslevel steigt.
Fünf Minuten später ist die Stimmung komplett gekippt.
Und irgendwann steht diese Frage im Raum:
Warum ist das bei uns eigentlich immer so schwierig?
Genau solche Situationen kennen viele Familien.
Wenn ADHS, Autismus oder andere Formen von Neurodivergenz eine Rolle spielen, können bestimmte Anforderungen im Alltag deutlich mehr Kraft kosten, als von außen sichtbar ist.
Dabei muss übrigens nicht einmal eine Diagnose vorhanden sein.
Vielleicht wisst ihr längst, dass Neurodivergenz bei euch eine Rolle spielt. Vielleicht gibt es bisher eine Vermutung. Oder ihr habt noch überhaupt keinen Namen für das, was ihr erlebt.

Trotzdem könnt ihr anfangen hinzuschauen.
Was passiert eigentlich, bevor es schwierig wird?
Wenn eine Situation eskaliert, sehen wir meistens das Ende.
Das Kind, das plötzlich nicht mehr mitmacht.
Den Erwachsenen, der irgendwann laut wird.
Den Rückzug ins Zimmer.
Den Streit darüber, wer schon wieder was vergessen hat.
Interessant ist aber auch das, was vorher passiert ist.
Wie voll war der Tag?
Wie viele Wechsel gab es?
War es laut?
Musste ständig reagiert werden?
Gab es überhaupt Zeit, zwischendurch runterzukommen?
Wie viel musste organisiert, erinnert oder gleichzeitig im Kopf behalten werden?
Und wie ging es den anderen Familienmitgliedern zu diesem Zeitpunkt eigentlich?
Denn Familienalltag passiert nie isoliert.
Wenn dein Kind völlig erschöpft aus der Schule kommt und du selbst nach einem langen Arbeitstag kaum noch Kapazität hast, treffen am Nachmittag nicht einfach zwei schlechte Launen aufeinander.
Da treffen möglicherweise zwei ziemlich volle Systeme aufeinander.
Und dann reicht manchmal wirklich die falsche Sorte Nudeln. 😄
Neurodivergenz sieht im Familienalltag nicht immer so aus, wie man erwartet
Bei ADHS denken viele zuerst an fehlende Konzentration oder Unruhe.
Bei Autismus vielleicht an schwierige soziale Kommunikation oder bestimmte Verhaltensweisen.
Im Alltag können aber ganz andere Dinge auffallen.
Planänderungen werden plötzlich riesig. Übergänge kosten unglaublich viel Kraft. Nach Schule, Kita oder Arbeit geht erstmal gar nichts mehr. Dinge werden vergessen, obwohl sie wichtig sind. Eine Person braucht Ruhe, während eine andere gerade dringend reden muss.
Und manchmal sieht man von außen lange ziemlich wenig.
Gerade deshalb lohnt es sich, nicht vorschnell zu entscheiden:
„Das müsste doch eigentlich gehen.“
Vielleicht geht es theoretisch.
Die spannendere Frage ist, was es die Person gerade kostet.
Und dann gibt es ja auch noch euch als Familie
Wenn ein Familienmitglied viel Unterstützung braucht, betrifft das selten nur diese eine Person.
Vielleicht planst du inzwischen den halben Alltag darum herum, Situationen möglichst abzufangen. Geschwister haben wiederum eigene Bedürfnisse. Dein:e Partner:in erlebt bestimmte Situationen ganz anders als du. Und während alle versuchen, irgendwie durch den Tag zu kommen, bleibt die eigene Kraft gerne irgendwo zwischen Brotdosen, Arbeit, Terminen und „Wir müssen in fünf Minuten wirklich los“ liegen.
Deshalb schauen wir bei Familien nicht nur auf die Frage:
Was braucht das Kind?
Uns interessiert genauso:
Was braucht ihr?
Was ist für einzelne Familienmitglieder schwierig?
Wo passen Bedürfnisse gerade schlecht zusammen?
Wer trägt im Alltag besonders viel?
Welche Erwartungen machen zusätzlichen Druck?
Und gibt es Dinge im Familienalltag, die vielleicht anders organisiert werden könnten?
Es gibt nicht die eine neurodivergenzfreundliche Familienroutine
Genau deshalb würden wir euch hier jetzt auch ungern fünf Tipps hinschreiben und behaupten, damit wäre euer Vormittag ab morgen entspannter.
Ein visueller Plan kann für eine Familie großartig funktionieren und für die nächste völlig irrelevant sein. Frühere Ankündigungen können Übergänge erleichtern. Für eine andere Person erzeugt zu viel Vorlauf vielleicht erst recht Stress. Pausen können helfen. Aber dafür muss im Alltag überhaupt Platz für Pausen sein.
Eine Strategie ist nur dann hilfreich, wenn sie zu der Person und zum echten Alltag passt.
Deshalb kann es sinnvoller sein, erstmal eine konkrete Situation auseinanderzunehmen:
Was passiert?
Wann wird es schwierig?
Was war vorher?
Was braucht besonders viel Energie?
Was hilft bereits?
Und was könnte man verändern?
Nicht alles davon liegt bei der Person selbst.
Vielleicht braucht es Unterstützung beim Übergang. Eine andere Absprache. Weniger Schritte auf einmal. Mehr Vorhersehbarkeit. Weniger Anforderungen an einem ohnehin vollen Tag.
Oder etwas ganz anderes.
Mentale Gesundheit gehört für uns mit dazu
Neurodivergenz findet nicht außerhalb von Stress, Erschöpfung oder mentaler Belastung statt. Und Eltern haben schließlich auch ein Nervensystem.
Wenn du seit Wochen auf Reserve läufst, verändert das, wie viel du auffangen kannst.
Wenn dein Kind jeden Tag sehr viel Kraft braucht, um durch Schule oder Kita zu kommen, kann zuhause irgendwann wenig übrig sein. Wenn mehrere Familienmitglieder unterschiedliche Bedürfnisse haben, kann selbst eine eigentlich gute Lösung für eine Person für jemand anderen schwierig werden.
Deshalb betrachten wir bei neuroSELFclear Neurodivergenz und mentale Gesundheit gemeinsam.
Nicht, weil hinter jeder schwierigen Situation eine große Erklärung stecken muss.
Wir möchten verstehen, was bei euch tatsächlich passiert.
Was kann Familienbegleitung dabei verändern?
Eine Begleitung kann euch nicht versprechen, dass es danach morgens nie wieder kracht.
Wäre auch ein ziemlich mutiges Versprechen.
Sie kann aber dabei helfen, Situationen genauer anzuschauen.
Zusammenhänge werden sichtbarer. Bedürfnisse lassen sich vielleicht früher erkennen. Ihr könnt ausprobieren, was zu euch passt, und anschließend gemeinsam schauen, ob es im echten Familienalltag tatsächlich funktioniert hat.
Dabei geht es für uns nicht darum, ein Familienmitglied herauszupicken und zu fragen:
„Wie bekommen wir diese Person jetzt dazu, besser zu funktionieren?“
Wir schauen auf das Zusammenspiel.
Auf das Kind genauso wie auf die Erwachsenen. Auf unterschiedliche Bedürfnisse. Auf Belastungen. Auf Kommunikation. Und auch darauf, ob sich an den Anforderungen oder am Umfeld etwas verändern lässt.
Vielleicht fangt ihr erstmal mit einer Situation an
Ihr müsst nicht euren kompletten Familienalltag analysieren.
Nehmt eine Situation, die regelmäßig Kraft kostet.
Und schaut beim nächsten Mal nicht nur darauf, wie sie ausgegangen ist.
Schaut ein bisschen früher hin.
Was war an diesem Tag schon los?
Wie ging es den Beteiligten vorher?
Was wurde gerade verlangt?
Was hätte eine einzelne Person in diesem Moment vielleicht gebraucht?
Und gibt es etwas, das euch beim nächsten Mal einen kleinen Hinweis geben könnte, bevor ihr wieder mitten in derselben Situation steckt?
Vielleicht findet ihr dabei noch keine Lösung.
Aber möglicherweise versteht ihr ein kleines bisschen besser, warum es überhaupt so schwierig wird.
Und damit lässt sich ziemlich gut weiterarbeiten. 🤎
Tanja & Kaja
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